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Charakterkopf und Künstlerselbstbildnis:
Max Beckmann im Porträt

Nachdenklich blickt Max Beckmann direkt in die Kamera von Nini und Carry Hess, die ihn 1927 in ihrem Frankfurter Atelier ablichteten. Der Künstler, der seit 1925 eine Meisterklasse für freie Malerei an der Städelschule leitete, war mit dem Ergebnis sehr zufrieden und verschenkte die Fotografie sogar mehrfach. Nini und Carry Hess waren weithin bekannt für ihre psychologisch einfühlsamen Porträtfotografien, die einen Großteil ihres fotografischen Schaffens ausmachen. Natürlichkeit und Sachlichkeit, die Prinzipien des „Neuen Sehens“, eines sich in den 1920er Jahren herausbildenden fotografischen Stils, sind dabei auch wesentliche Merkmale der Porträtaufnahmen aus dem Atelier Hess.

Dem gereiften und erfolgreichen Maler gegenüber steht ein Selbstbildnis des Künstlers von 1917, das ihn, erst kurz in Frankfurt ansässig, in seinem Sachsenhäuser Atelier zeigt und 2011 in der Ausstellung „Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet“ zu sehen war. Die angespannte Mimik und Körperhaltung offenbart einen Künstler, der nach den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg seine Erschütterung nicht verbirgt und der um eine neue künstlerische Sprache ringt.

Max Beckmann:
Selbstbildnis mit rotem Schal, 1917
Staatsgalerie Stuttgart
Nini & Carry Hess:
Max Beckmann, 1927
Privatbesitz

Spiel und Spaß: Die Sportbegeisterung der Weimarer Republik

Nini und Carry Hess‘ Aufnahme zeigt zwei Frauen in sommerlicher Szenerie beim Ballspiel. Das Thema Sport griffen die Fotografinnen vor allem im Kontext journalistischer Berichterstattungen in Zeitungen und Zeitschriften auf. Freizeitszenen waren hier ebenso gefragt wie Aufnahmen professioneller Sportler*innen, darunter auch Helene Mayer, Olympiameisterin im Fechten. Die 1920er Jahre waren von einer großen Sportbegeisterung geprägt – man fieberte mit den Profis mit und wurde selbst im Breitensport aktiv. Körperliche Ertüchtigung als gemeinschaftliche Aktivität war dabei ebenso wichtig wie das spielerische Kräftemessen.

Auch Willi Baumeisters „Tennisspieler, liegend“, zu sehen 2005 in der Ausstellung „Willi Baumeister – Die Frankfurter Jahre 1928–1933“, zeugt hiervon: Im Vordergrund ruht sich ein Tennisspieler aus, während sein Gegenspieler noch in Aktion ist. Im Hintergrund scheint ein sportlich aussehender Zuschauer auf seinen Einsatz zu warten. Baumeister geht es nicht um die Darstellung individueller Personen, sondern um eine idealtypische Vorstellung von Sportlichkeit, wie an der stilisierten Bildsprache und der Betonung muskulöser Körperpartien der einzelnen Figuren ersichtlich wird.

Willi Baumeister:
Tennisspieler, liegend, 1929
Archiv Baumeister, Stuttgart
© VG Bild Kunst, Bonn 2021
Foto: CC-BY-NC-SA Willi Baumeister Stiftung
Nini & Carry Hess:
Ballspiel Tim Tam, 1933
ullstein bild collection

Körper in Bewegung: Neue Formen des Tanzes

Als Gegenentwurf zum klassischen Ballett bildete sich in den 1920er Jahren eine neue Form des Tanzes aus, die den Körper als individuelles Ausdrucksmittel in den Mittelpunkt stellte. Eine der Pionierinnen des neuen Ausdruckstanzes war Mary Wigman. Wie andere prominente Tanzkünstlerinnen, die in Frankfurt auftraten, ließ sich auch Wigman – mehrfach – von Nini und Carry Hess fotografieren. Die im Atelier Hess entstandenen Aufnahmen porträtierten einfühlsam die Persönlichkeit der Tänzerin und stellten zugleich eine Momentaufnahme ihres Tanzes mit expressiv-pathetischer Geste dar.

Dem Thema Tanz widmete sich auch Georg Heck in seinem Holzschnitt, der 2019 in der Ausstellung „Georg Heck. 1897–1982“ zu sehen war. In einer flächigen, den Kontrast zwischen Schwarz- und Weißlinienschnitt betonenden Manier zeigt das Blatt zwei versetzt zueinander tanzende Frauen, die versunken in die tänzerische Bewegung scheinen. Die dabei kunstvoll geschwungenen, langen Tücher unterstreichen ihren Bewegungsfluss. Die Darstellung ist ein Beispiel für den Hang zur Ästhetisierung des Körperlichen, wie er in den 1920er Jahren aufkam und zum Erfolg des Ausdruckstanzes beitrug.

Georg Heck:
Tanz, 1936
Kulturkreis Georg Heck e. V.
Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M.
Nini & Carry Hess:
Mary Wigman in »Die sieben Tänze des Lebens«, 1921
Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln

Feminismus in den 1920er Jahren:
Die „Neue Frau“

Mit seinen fotografischen Aufnahmen trug das Atelier Hess wesentlich zur Verbreitung des Bildtypus der „Neuen Frau“ in den 1920er Jahren bei. Die selbst erkämpfte gesellschaftliche Teilhabe von Frauen nach dem Ersten Weltkrieg, unter anderem in Form des Wahlrechts oder der verstärkten Berufstätigkeit von Frauen, manifestierte sich in einem modernen weiblichen Erscheinungsbild. Legere Kleidung wie Hemdkleider und weite Hosen sowie Kurzhaarfrisuren wie der Bubikopf waren in Mode und wurden durch geschickte Inszenierung in den zahlreichen Frauenporträts von Nini und Carry Hess besonders deutlich in den Vordergrund gestellt. Als erfolgreiche Fotografinnen und Unternehmerinnen verkörperten die Schwestern nicht zuletzt selbst den Typus dieser neuen, selbstständigen Frau.

Auch die auf einem Liegestuhl liegende Dame, die 2015 Teil der Ausstellung „Expressiv. Experimentell. Eigenwillig. Reinhold Ewald 1890–1974“ zu sehen war, steht exemplarisch für die emanzipierte Frau der 1920er Jahre. Lässig gekleidet und mit schickem Kurzhaarschnitt ist sie in ihre Lektüre vertieft.

Reinhold Ewald:
Lesende im Liegestuhl, 1924
Privatbesitz
Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M.
Nini & Carry Hess:
Frauenporträt (»Astrologin«), 1920–1930
Berlinische Galerie
Foto: Felix Jork / Berlinische Galerie

Spielerische Verwandlungen: Kostüm und Maskerade

Die Aufnahme von Nini und Carry Hess zeigt den russischen Tänzer Alexander Rumnev mit androgyn wirkenden Gesichtszügen geschminkt und kostümiert in einer seiner Bühnenrollen. In den 1920er Jahren war Rumnev häufig auf Tour in Europa und machte auch in Deutschland Station, wo er mehrfach von den Schwestern Hess fotografiert wurde. Tanz, Theater, Kostümfeste – die Weimarer Republik erlebte eine Blütezeit des Kultur- und Vergnügungslebens. Kostümierung und Maskerade waren beliebt, erlaubten sie doch das – spielerische – Überschreiten gesellschaftlicher Konventionen und tradierter Rollenverständnisse.

Auch Peter Rasmussens Gemälde „Zwei Mädchen“, zu sehen 2016 in der Ausstellung „Kommen und Gehen – von Courbet bis Kirkeby. Künstleraufenthalte in der Region Frankfurt/Rhein-Main“, ist ein gutes Beispiel für das Spiel mit Kostümierung und Selbstinszenierung in jener Zeit: Eine Frau im Vordergrund mit lockigem Haar und einem blauen, ärmellosen Oberteil streift sich lange schwarze Handschuhe über. Selbstbewusst und herausfordernd schaut sie nach vorne, während eine zweite Frau im Hintergrund im schulterfreien roten Abendkleid mit Kurzhaarschnitt, Hut und Fächer verträumt in die Ferne blickt.

Peter Rasmussen:
Zwei Mädchen, 1926
Museum für Kunst und Kulturgeschichte der
Philipps-Universität Marburg
© Bildarchiv Foto Marburg / Horst Fenchel,
Christian Stein
Nini & Carry Hess:
Alexander Rumnev, 1925
MUSEUM FOLKWANG, ESSEN

Zur Schau gestellt: Der weibliche Akt zwischen Idealisierung und Voyeurismus

Graziös, beinahe tänzerisch bewegt sich die Frau vor einem spärlich angeleuchteten Hintergrund. Die Fotografie ist eine von fünf Aktaufnahmen, die Nini und Carry Hess zu dem 1925 erschienenen Bildband „Das Weib. Natur und Kultur“ beisteuerten. Die aus der Malerei bekannte klassische Gattung des Aktes erfuhr in den 1920er Jahren im Medium der Fotografie eine Aktualisierung. Die Aufnahme aus dem Atelier Hess setzt den Frauenkörper ästhetisch in Szene, wirkt dabei aber zugleich auch momenthaft, indem sie den Fokus auf den sich in Bewegung befindlichen, athletisch anmutenden Körper legt.

Eine völlig andere Szenerie bietet Hanns Ludwig Katz‘ Gemälde „Miss Mary“ von 1926, das 2016 in der Ausstellung „Kommen und Gehen – von Courbet bis Kirkeby. Künstleraufenthalte in der Region Frankfurt/Rhein-Main“ zu sehen war. Lediglich mit roten, hochhackigen Schuhen und einer venezianischen Maske angetan, geht von der Frau mit Bubikopf eine geheimnisvolle, erotisch anziehende Ausstrahlung aus, während sie den voyeuristischen Blicken eines Mannes mit Hut im Hintergrund ausgesetzt ist.

Hanns Ludwig Katz:
Miss Mary, 1926
Kunsthalle Emden
Nini & Carry Hess:
Weiblicher Akt (»Russin«), 1925
Sammlung Eckhardt Köhn